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Freunde finden oder heiraten? Was motiviert zur Anmeldung in Social Media?
Die Zahl der Eheschließungen geht in Deutschland seit den 50er Jahren im Trend zurück. Gleichzeitig steigt die Zahl der Mitglieder auf Singleplattformen und in Social Media stetig an.
Wie kann diese Entwicklung interpretiert werden? Warum melden wir uns noch in Singlebörsen an, wenn wir ohnehin nicht mehr heiraten möchten? Sind uns inzwischen Freundschaften und Beziehungen ohne festes Engagement wichtiger?
In der heutigen Zeit muss jeder flexibel sein: Für den Job in eine andere Stadt oder gar in ein anderes Land zu ziehen ist inzwischen etwas absolut Normales. Unabhängigkeit ist ein wichtiges Schlagwort in unserer Gesellschaft geworden und die ewige Liebe wird oftmals eher ironisch belächelt. Dennoch möchten wir wahre Freunde finden und trotz unseres Jet-Set-Lebens einen sicheren Hafen haben, in den wir heimkehren können.
Dieser Hafen beinhaltet aber nur noch selten eine Ehe, sondern häufig eher alte Freundschaften oder eine enge Beziehung zu Eltern und Geschwistern. Darüber hinaus führen einige durchaus langfristige Beziehungen, ohne sich jedoch das Ja-Wort zu geben. Man lebt zwar zusammen und übernimmt teilweise sogar Verantwortung füreinander, ohne sich jedoch durch eine Hochzeit aneinander zu binden. Kann man daraus schließen, dass es für uns wichtiger ist, Freundschaften zu finden als den einen Seelenverwandten?
Die Entromantisierung der Gesellschaft und die Zeit der guten Freunde
Die Soziologin Eva Illouz, die kürzlich ihr Buch „Warum Liebe weh tut“ im Suhrkamp Verlag veröffentlicht hat, stellt darin die These auf, dass eine leidenschaftliche, romantische Liebe in der heutigen Gesellschaft oft als Zeichen von Abhängigkeit angesehen und daher als suspekt und fast schon hysterisch eingestuft wird.
Aber möchten wir deswegen nur gute Freunde kennenlernen und rein platonische Beziehungen führen? Wohl kaum. Die Single Communitys und Social Media Netzwerke sind voll von Menschen, die auf der Suche nach Freunden und potenziellen Lebenspartnern sind. Das 'Problem' liegt laut Illouz darin, dass unsere Ansprüche an einen Partner immer rationaler werden und wir unsere Entscheidungen weniger intuitiv fällen. Solange man nur nach rationalen Gesichtspunkten geht, wird man aber nie DEN perfekten Menschen finden, eben weil wir Menschen sind. Da liegt der Schluss nahe, dass man sich zwar bindet, aber nur so lange, bis man 'etwas Besseres' findet und deswegen den letzten Schritt (den der Hochzeit) nicht mehr geht.
Stimmt man dieser These zu, so muss man den Schluss ziehen dass das Freunde finden wichtiger ist als die Suche nach dem Partner. Andererseits gibt es noch genügend Menschen, die daran glauben, eines Tages ihre große Liebe zu finden, und die nicht aufgeben.
Freunde finden oder feste Bindungen eingehen? Was ist wichtiger?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. Das Argument, dass weniger geheiratet wird, hängt nämlich auch stark mit der Akzeptanz außerehelicher Beziehungen zusammen, in denen man teilweise nicht weniger Verantwortung füreinander übernimmt als in einer Ehe. Dementsprechend muss man natürlich heutzutage nicht mehr heiraten, um sich füreinander verantwortlich zu fühlen.
Darüber hinaus ist auch eine platonische Freundschaft durchaus mit Verantwortung verbunden. Freundschaft bedeutet, immer füreinander da zu sein – dafür muss man keine Beziehung führen. Demnach ist es uns Menschen eigentlich kaum möglich, einer gewissen Verantwortung zu entgehen. Freunde kennenlernen bedeutet nämlich gewissermaßen schon Verantwortung übernehmen, auch wenn man natürlich nicht auf die gleiche Weise verbunden ist wie in einer festen Beziehung.
Woran liegt es also, dass wir in Freundschaften gern Verantwortung übernehmen und uns in Beziehungen damit oftmals schwer tun? Vielleicht hängt es tatsächlich mit der ironischen Weltsicht der heutigen Gesellschaft zusammen, die die romantische Liebe mit Abhängigkeit gleichsetzt, die platonische Freundschaft aber nicht. Vielleicht würde es helfen, an Beziehungen eher wie an Freundschaften heranzugehen, sich schrittweise auf eine Person einzulassen und auch die damit einhergehende Verantwortung zu akzeptieren (egal ob man nun eine Heiratsurkunde unterzeichnen möchte oder nicht), ohne diese als Last zu empfinden. Denn im Grunde ist das Finden des Traumpartners ganz ähnlich wie das Freundschaften finden: Man trifft sich, ist sich sympathisch und erst mit der Zeit entwickelt sich von ganz allein mehr und mehr Verantwortung füreinander.
Daher sollten das Freunde finden und die Suche nach dem Wunschpartner eigentlich nicht so strikt voneinander getrennt werden, denn im Grunde sollte eine gute Beziehung auch auf einer soliden Freundschaft beruhen.

